Praktische hermetische Kabbala vs. theoretische Kabbala

 In Kabbala Vorträge

VORTRAG (Kabbala Wien): Einweihung in der praktischen Kabbala, Rituale der hermetischen Kabbala, Unterschiede hermetische Kabbala und jüdische Kabbala, Anwendung und Praxis.

Dieser Artikel ist eine Einführung in das Thema „Kabbala“. Es soll kurz erläutert werden, wieso der Weg der Mysterienschule in der Hermetik Akademie beginnt und weshalb es wichtig ist, genau dort mit dem Studium anzusetzen, um diesem Weg weiter folgen zu können.

Was aber ist die Kabbala? Was ist die hermetische Kabbala? Worin unterscheidet sie sich von anderen bekannten Formen wie der jüdischen oder theoretischen Kabbala? Durch die Beantwortung dieser Fragen soll ein solides Bild vermittelt werden, um in der Begegnung mit kabbalistischen Lehren, Ideen und Organisationen ein genaues Unterscheidugnsvermögen zu erlangen. So lassen sich die einzelnen Strömungen und Vereinigungen leichter einordnen.

„Kabbala“ ist ein Begriff, für den es verschiedene Übersetzungen gibt, bspw. „Offenbarung“, „Überlieferung“ oder „empfangen“. Das Wort „empfangen“ drückt den Kern dieses Begriffes sehr gut aus – Kabbala im Sinne von „empfangen“ meint eine höhere Lehre, die der Mensch erhalten hat und die seit diesem Zeitpunkt in der Menschheit bewahrt wird. Das bedeutet, dass die Kabbala viel weiter zurückgeht, als dies z.B. veröffentlichte Schriften aus der kabbalistischen Tradition vermuten lassen würden. Die kabbalistische Lehre besagt: Der Mensch ist aus dem Garten Eden, ein symbolisch gemeinter Ort, gefallen und hat die Lehre, um die es hier geht, vom Erzengel Raziel übermittelt bekommen. Dieser Erzengel ist ein Symbol für eine vermittelnde Kraft zwischen dem Göttlichen und dem Menschen, der diesem in seinem früheren Zustand näherstand. Daher lässt sich sagen: In einem höheren Seinszustand, aus dem der Mensch in einen niederen gefallen ist, wurde ihm mittels einer Kraft, die ihm vom Göttlichen gesandt wurde, diese Lehre offenbart – daher auch der Ausdruck „empfangen“.

Der Mensch hat die Kabbala also nicht aus sich selbst heraus kreiert oder erschaffen. Es handelt sich bei der Lehre vielmehr um ein intiales „Geschenk“ des Schöpfers. Dieses Geschenk wurde übergeben, da der Mensch, das Geschöpf Gottes, aus einer ursprünglichen Position im Universum herausgefallen war, was aufgrund seines eigenen Verschuldens geschah. Dabei fiel er in eine grobstofflichere Welt hinab, in eine Welt des eingeschränkten Bewusstseins, der Dualität, die mit Leben und Tod sowie der Tatsache der Sterblichkeit verbunden ist. Mit Hilfe der Kabbala soll das von Gott geschaffene Wesen, die Krönung der Schöpfung, wieder zurück zum Schöpfer finden, zurück in den ursprünglichen Seinszustand.

Somit handelt es sich bei der Kabbala wie gesagt um keine menschliche Erfindung. Die Schriften lehren, dass bereits nach dem Fall Adams – der Prototyp, der für die Gesamtheit der Menschen steht – der Mensch die Lehre erhielt und begonnen hat, sich wieder dem Schöpfer zuzuwenden, um den Weg der Rückkehr zu beginnen.

In der Mysterientradition als Ganzes wird in diesem Zusammenhang immer wieder vom „Pfad der Rückkehr“ gesprochen. Wenn man sich das Grundthema der Kabbala bewusst macht, ist das Ziel der Mysterientradition eindeutig zu erkennen. Zwar gibt es viele Theorien und diverse praktische Techniken, die eigentlichen Grundzüge der Mysterien jedoch lassen sich jedoch ganz einfach beschreiben. Dies ist unabhängig dessen, in welcher Formulierung diese ähnliche Bedeutung ausgedrückt wird. Stets geht es um den Pfad der Rückkehr, ob uns dieses Konzept nun in Form einer kabbalistischen Erläuterung oder in anderen Wegen wie dem Martinismus oder ähnlichen Strömungen begegnet. Immer steht dasselbe Thema im Mittelpunkt, das bloß in andere Wort gepackt wird. Eine wichtige Frage daher lautet: Wozu benötigen wir diesen Pfad der Rückkehr?

Was sich zunächst ganz einfach der Sache selbst entnehmen lässt, ist, dass wir irgendwohin zurückkehren möchten. „Rückkehr“ bedeutet aber auch, dass der Mensch schon einmal an einem anderen Ort gewesen ist, an den er wieder zurückgelangen möchte. Andernfalls würde es um ein Ziel gehen, das er noch nie erreicht hat. Somit ist die Rede von einem Zustand, in dem der Mensch bereits war. Aus diesem ist er gefallen bzw. diesen hat er verlassen, weshalb es eines Weges bedarf, der ihn wieder dorthin zurückführt.

Die dahinterstehende Systematik ist viel komplexer, als ein oberflächlicher Blick in das Alte Testament erkennen lässt. Dort findet sich die Geschichte des Sündenfalls von Adam und Eva mit dem Baum, von dessen Früchten sie verbotener Weise genascht haben. Deshalb überliefern viele initiatorische Wege, z.B. auch der des Martinismus, detaillierte Erläuterungen darüber, was wirklich hinter diesen Symbolen und angedeuteten Geschichten steht. Sie erklären, aufgrund welcher konkreter Handlungen der Mensch diesen Fall erleiden musste. So erschließen sich plötzlich Zusammenhänge, die man bei einer oberflächen Analyse des Alten Testaments zunächst nicht vermutet hätte. Dabei können wir lernen, welche Kräfte und Handlungen dort gewirkt haben, durch die der Mensch diesen Schritt gesetzt hat, sodass er aus einem höheren Seinszustand in einen niederen fallen musste.

Der Mensch ist die Krönung der Schöpfung – eine Tatsache, deren Gründe man ebenfalls schrittweise in der Mysterientradition kennen lernt. Er ist aus dem Garten Eden gefallen, in dem er einen sehr hohen Status hatte. Wesentlich ist, dass dies nicht buchstäblich, sondern nur symbolisch gemeint ist. Die Rede ist nicht von einer grünen Wiese, die von der Sonne beschienen wurde – es geht um Symbole, die uns auf eine weitaus größere Realität hinweisen. Diese lässt sich, ohne sie für den Intelltekt in Worte oder Geschichten zu packen, gar nicht vermitteln. Das bedeutet, dass das Alte Testament und die Heiligen Schriften niemals wörtlich zu nehmen sind. Wenn von einer Wiese oder einem Garten Eden geschrieben wird, dann handelt es sich nicht um einen schönen Park, wie er bspw. im Schloss Schönbrunn in Wien, in dem wir spazieren gehen können, gefunden werden kann. Gemeint sind, um es zu wiederholen, Symbole, die auf eine andere Ebene der Realität bzw. Seinsebene hinweisen. Aus dieser komplexen Perspektive heraus müssen auch die Heiligen Schriften gelesen werden, um einen anderen Bezug dazu zu bekommen.

Das bedeutet also, dass der Mensch aus irgendeinem Grund gefallen ist. Ihm wurde durch die Cherubim mit dem Flammenschwert der Zugang zu diesem Garten Eden versperrt. Diese haben auch den Baum des Lebens bewacht. Dies heißt, dass der gefallene Mensch zunächst nicht einfach wieder zurückgelangen kann. Es war die Gnade des Schöpfers, dass dem Menschen dennoch die kabbalistische Lehre gegeben wurde, um auf den Weg zurück zu finden.

Dies lässt sich wie eine Landkarte vorstellen, die dem Menschen zeigt, wie er zurück zum Garten Eden gelangen kann. Dieser Ort steht als Symbol für eine höhere Realität. Die Karte offenbart, wie er zum Baum des Lebens Zugang erhalten kann, welcher bewacht wird und letztlich in Form einer initiatorischen Reise durchschritten werden muss.

Diese Lehre ist der Pfad der Rückkehr. Sie wurde dem Menschen in Form der hermetischen Kabbala vermittelt. Damit ist die praktisch angewandte Kabbala gemeint, die Flamme der Einweihung und initiatorische Linie, die wirklich nach diesem Fall begonnen hat. Der Mensch hat den initalen Funken, diesen Impuls, in Gestalt der Kabbala erhalten. Mit Hilfe dieser Landkarte oder praktischen Werkzeuge kann er wieder zurückfinden. Da es um eine Reise geht, gilt es auch zu berücksichtigen, dass diese beschwerlich sein kann. Dazu bedarf es nicht nur einer Landkarte, sondern auch Werkzeuge, um die einzelnen Schritte gehen zu können. Wenn wir bspw. von einem Kontinent zum anderen gelangen möchten, dann ist eine Karte, die nur den Weg weist, nicht genug, da bspw. auch Hindernisse wie ein Ozean sicher und erfolgreich überquert werden müssen. Theoretisch wäre es leicht nachzuvollziehen, wie ein Weg zu gehen wäre – ihn praktsich zu gehen ist wieder etwas anderes. Man muss z.B. ein Boot bauen, um das Meer zu überqueren, und sich Proviant anlegen. Dieses einfache Beispiel soll bewusst machen, dass die theoretische Landkarte allein noch nicht die Lösung ist. Was der Mensch wirklich benötigt, sind praktische Methoden sowie die Kraft, den vorgezeichneten Weg zu schreiten. Genau das bietet die praktische, hermetische Kabbala.

Heutzutage wird die Kabbala zunächst stark mit dem Judentum assoziiert (jüdische oder theoretische Kabbala). Diese beschäftigt sich einfach mit dem Schriftstudium der kabbalistischen Werke auf einer theoretischen Ebene. Dahinter stehen Schriftgelehrte, was schon den Fokus auf die Theorie erkennen lässt. Manche Organisationen, die sich ebenfalls finden lassen, sind etwas esoterischer und vermitteln noch ein paar Meditationstechniken dazu, welche es in der streng jüdischen Tradition nicht gibt. Auf solche Ausprägungen stößt man bis hin zu ganz populären Strömungen, wie sie uns im Beispiel der berühmten Popikone Madonna entgegentritt, welche ebenfalls die Kabbala studiert. Es ist eine große Bandbreite vorhanden. Die genauere Betrachtung zeigt aber, dass es sich entweder wirklich nur um Theorie in Form des Schrifstudiums handelt oder bloß noch einige Meditationstechniken geübt werden auf Wegen, die etwas esoterischer sind.

Was jedoch auf diesen theoretischen Wegen der Kabbala nirgendwo gefunden wird, ist die angewandte Lehre. Damit sind in der hermetischen Kabbala rituelle Arbeiten gemeint, also das, was in Tempeln und Logen vor sich geht. Dort, wo Menschen zusammenkommen und Ritualistik vollziehen – das ist die hermetische, praktische Kabbala. Diese ist mehr, als nur ein Leben lang Texte zu studieren, Gebete zu machen oder Meditation zu praktizieren. Sie beruht im Gegensatz dazu auf den drei Säulen des Studiums, der Meditation und des Rituals. Rituelle Arbeiten sind der Gegenpol, der natürlich auch in vielen Organsationen enthalten ist, die einen Einweihungsweg anbieiten.

Der eine Pol besteht darin, dass es Wege gibt, die sich „kabbalistisch“ nennen und nur die theoretische Kabbala bewahren. Das heißt, man studiert ein Leben lang eine Theorie. Dies ist, als würde man zeitlebens den Bauplan eines Archtitekten studieren, ohne jedoch ein Haus zu bauen. Die Kabbala als reine Theorie und intellektuelle Beschäftigung kann zwar herausfordernd sein und neue Ideen in uns erzeugen – allerdings bleiben wir damit bloß auf der Ebene des Bauplans stehen. Die Aufgabe ist natürlich, dass wir das Haus bauen. Wenn wir dies unser Leben lang verabsäumen, haben wir unsere Zeit vergeudet.

Ein anderer Gegenpol sind Organisationen, die ebenfalls rituelle Arbeiten anbieten, Einweihungsorden, die teilweise jedoch nicht wirklich authentisch hermetisch-kabbalistisch arbeiten. Sie bewahren zwar auch Einweihungsriten, aber oft nur bis zu einer gewissen Stufe. Danach werden fremde Systeme dazugebaut, um die Lücken einfach auszufüllen.

Dies ist wichtig zu erkennen denn welchen Sinn hat es, einen Lebensbaum zu haben, der nur durch die Hälfte der Stufen hindurchführt? Das ist, als gäbe es in einer Schule nur vier Jahre lang Mathematik mitsamt den Büchern und dem Unterrichtsstoff dafür. Danach aber kann der Mathematikunterricht nicht fortgesetzt werden, weil es an der Schule niemanden gibt, der weiß, wie die höhere Mathematik gelehrt wird. Vergeblich werden Überlegungen angestellt, wie es nach den vier Schuljahren in Mathematik weitergehen könnte und was es sonst noch zu lernen gäbe.

Das heißt, eine authentische, mainifestierte Mysterienschule bewahrt wirklich alle Stufen, sie enthält ein komplettes, in sich stimmiges hermetisch-kabbalistisches System an Ritualistik und Einweihungsstufen, das vollständig durch die 10 Sephiroth im Baum des Lebens von Assiah zur nächsten kabbalistischen Welt (Yetzirah) führt. Andernfalls kommen wir vielleicht nur ein Stück weiter, nicht mehr. Das Ziel ist jedoch ganz klar: Der Mensch hat den Seinsauftrag, wieder den Pfad der Rückkehr zurückzulegen, um zurück zum Garten Eden zu kommen, indem er den Lebensbaum, der bewacht wird, initiatorisch durchschreitet. Der Baum des Lebens wird in der kabbalistischen Tradition immer als ein symbolisches Diagramm dargestellt: Er enthält die einzelnen Sphären (Sephiroth), an denen auch viele Einweihungsstufen orientiert sind. Sie stellen letztendlich Bewusstseinsstufen dar, die der Mensch erklimmen kann, um sich Schritt für Schritt auf diesem Pfad der Rückkehr zurück zu seinem Ursprung zu entwickeln oder besser gesagt, sich hin zu seinem vorbestimmten Ziel weiterzuentwickeln.

Daher müssen wir uns ganz klar bewusst machen, dass die Kabbala vielseitig verwendet wird. Am Ende des Tages steht im Zentrum aber, den Zugang zu den praktischen Werkzeugen zu haben, damit nicht nur theoretisch der Intellekt geschult und neue Theorien über den möglichen Aufbau des Universums gewonnen werden. Wichtig ist, als Eingeweihte in einer Einweihungstradition einen initiatorischen Weg zu schreiten, wo alle Punkte, die theoretisch erfahren oder von denen gelesen werden kann, durch eigene Erfahrung verfiziert werden. Denn auch nach dem lebenslangen Studium der kabbalistischen Schriften auf rein intellektueller Ebene weiß man als Einzelner im Grunde nicht, ob von den Lehren tatsächlich auch etwas stimmt. Man kann versuchen, es sich zusammenzureimen, weil es logisch klingt, dass das Universum auf eine gewisse Weise aufgebaut sein könnte und es bestimmte Zusammenhänge und Kräfte gibt. Doch ohne Verifikation hat man am Ende kein gesichertes Wissen.

In diesem Fall redet man sich ein, dass man viel gelesen hat. Kabbala wird zu einem Thema, mit dem man sich, wie mit vielen anderen Bereichen der Hermetik auch (Alchemie, Gnosis usw.), als Teilrichtung beschäftigen kann, indem man Bücher darüber liest. Die Überprüfung in der eigenen praktischen Erfahrung jedoch ist es, worum es in der Einweihungstradition geht. Lesen allein reicht nicht aus, der Einzelne muss durch die Einweihungsriten schreiten, um die Inhalte selbst zu erleben – die Inhalte, die sich in den alten Schriften und in kabbalistischen Büchern sowie in solchen anderer Strömungen, wie dem Martinismus, finden lassen.

Auf diese Weise erkennt man, wer Jesus Christus bspw. wirklich war. Symbolisch gesehen war er ein Mensch, der in ein höheres Bewusstsein geboren wurde. Welchen Sinn hat es, nur davon zu lesen? Die Erfahrungen müssen wie gesagt selbst gemacht, erprobt und in der eigenen Erfahrung überprüft werden, sonst bleibt echte Entwicklung aus.

Wer den Bauplan des Universums nicht nur studiert, sondern mit dem Einweihungsweg auf der ersten Stufe beginnt, fängt zunächst an, den Keller für das geplante Haus auszuheben. Vom Wissen nämlich, dass der Mensch durch Hörensagen allein gewinnt, kann er den großen Bau gar nicht vollziehen, weil sich ihm vieles erst durch die praktische Erfahrung erschließt. Die große Erkenntnis beginnt immer in dem Moment, wo der Einzelne selbst Erfahrungen macht, wenn er also metaphorisch betrachtet selbst ins Wasser springt, statt nur Spekulationen über die Erfahrung des Schwimmens anzustellen. Es fühlt sich ganz anders an, selbst zu schwimmen, als nur über das Schwimmen zu theoretisieren und Bücher darüber zu lesen, so wie das Umherlaufen auf dem Land sich anders anfühlt als das Erlebnis, im Wasser zu sein. Wer jedoch nie selbst hineingesprungen ist und die Erfahrung gemacht hat, wird dies und andere Dinge niemals erfahren.